24 Februar , 2026

Kategorien: Trade

Tierwohl

 
Welche Kennzahlen für B2B-Entscheider belastbar sind und welche eher als nice to have gelten

 

Im B2B gewinnt nicht die schönste Nachhaltigkeits-Story, sondern die sauberste Datenlage. Mit CSRD/ESRS steigt bei berichtspflichtigen Abnehmern der Druck, belastbare Kennzahlen aus der Lieferkette in Einkauf und Reporting zu integrieren. [2][3] Gleichzeitig bleibt Tierwohl ein klares Erwartungsthema: Laut Ernährungsreport 2025 achten 81 % der Befragten bei Produkten tierischen Ursprungs auf Angaben zu den Haltungsbedingungen. [1]

Die Einordnung ist pragmatisch: „hart“ ist, was vergleichbar, prüfbar und vertragstauglich ist. „Nice to have“ ist, was gut klingt, aber ohne Methodik, Datenquelle und regelmäßiges Update nicht standhält.

Sechs Kennzahlen decken in vielen Tendern die wesentlichen Risikodimensionen ab – Klima, Energie, Nährstoffe, Tiergesundheit und Compliance. Entscheidend ist die Datentiefe: Methode, Systemgrenze, Datenquelle, Update-Rhythmus und Verantwortlichkeit müssen klar sein.

  1. Treibhausgas-Fußabdruck (Corporate, bei Bedarf PCF je Produktlinie)
  2. Energiekennzahl der Verarbeitung (kWh je t Produkt plus Reduktionspfad)
  3. Stickstoffbilanz/N-Saldo (Proxy für Nährstoffverluste und Wasserrisiken)
  4. Lahmheit
  5. Abgangsrate/Mortalität
  6. Antibiotikaeinsatz (AMU-Transparenz und Steuerung)

 

KPI 1: Klima – robust, methodisch, wiederholbar

Wenn produktbezogene Emissionsdaten abgefragt werden, zählt nicht nur die Zahl, sondern die Methode dahinter. ISO 14067 ist ein gängiger Rahmen für Product Carbon Footprints. [4] Für Scope-3-Berechnungen empfiehlt das GHG Protocol bei eingekauften Gütern, wo möglich, lieferantenspezifische oder hybride Methoden zu nutzen – statt ausschließlich Durchschnittswerten. [5]

Ein milchspezifischer Plausibilitätscheck: In Auswertungen von knapp 100 Milchviehbetrieben lag die Bandbreite bei 0,8 bis 1,8 kg CO₂-Äquivalenten je kg Milch. [6] Das ist kein Zielwert, aber eine belastbare Spanne für Plausibilisierung und die Einordnung von Maßnahmen-Hebeln.

 

KPI 2: Energie – der Hebel, der schnell Wirkung zeigt

Energie beeinflusst Kosten und Emissionen gleichzeitig. Für B2B ist deshalb weniger das „Ob“ entscheidend, sondern ob Energiekennzahlen in eine Steuerungslogik übersetzt werden: kWh je Tonne Produkt, ein nachvollziehbarer Basiswert, ein Reduktionspfad und ein Reporting-Rhythmus. ISO 50001 bietet dafür einen etablierten Rahmen, um Messung, Ziele und Nachverfolgung zu systematisieren. [8]

Ein Referenzfall aus einem europäischen Qualitätsprojekt nennt 20 % Energieeinsparung pro Molkerei. [7]

 

KPI 3: N-Saldo – Nährstoffrisiken werden sichtbarer

Farm to Fork setzt Ziele zur Senkung von Nährstoffverlusten und Düngemitteleinsatz bis 2030. [3] In Lieferbeziehungen wird der N-Saldo „hart“, sobald Abnehmer Wasser- und Nährstoffrisiken der Kette bewerten oder Regionen mit erhöhtem Risiko adressieren. Entscheidend ist Konsistenz: gleiche Bilanzlogik, gleicher Zeitraum, dokumentierte Maßnahmen und eine nachvollziehbare Entwicklung über die Zeit.

 

KPI 4–5: Tierwohl – Ergebnisindikatoren statt Symbolik

Für Rinder gelten auf EU-Ebene vor allem allgemeine Regeln. [9] Umso wichtiger sind tierbezogene Ergebnisindikatoren. EFSA nennt als zentrale Welfare-Folgen u. a. Lahmheit, Mastitis und Bewegungsrestriktion und arbeitet mit tierbezogenen Messgrößen. [10] Welfare Quality® ist ein etablierter Referenzrahmen für tierbasierte Bewertung. [11]

Für B2B-Programme haben sich wenige, regelmäßig erhobene Outcome-KPIs bewährt: Lahmheitsquote, Abgangsrate/Mortalität und Eutergesundheit (in der Praxis häufig über Zellzahl- bzw. Mastitisindikatoren). Solche Kennzahlen sind deshalb stark, weil sie Risiko, Prozessqualität und Managementstabilität abbilden – und damit in Audits, Lieferantenbewertungen und Qualitätsgesprächen verwendbar sind.

 

KPI 6: Antibiotikaeinsatz – von Kommunikation zu Steuerung

Farm to Fork nennt das Ziel, den Verkauf antimikrobieller Mittel für Nutztiere und Aquakultur bis 2030 um 50 % zu senken. [3] Entsprechend wächst die Bedeutung von AMU-Daten in Programmen, Audits und Lieferantenbewertungen. Relevanter als Einmalwerte sind dabei Trends, Definitionen und Vergleichbarkeit: Was wird wie gemessen, wie oft berichtet, und welche Maßnahmen werden abgeleitet?

 

Nice to have – und wo es riskant wird

Wasserfußabdruck und Biodiversitätsindikatoren können sinnvoll sein – aber nur mit belastbarer Methodik und regionalem Kontext. ISO 14046 liefert beispielsweise den Rahmen für Water-Footprints. [15] Ohne diese Grundlage wirken Kennzahlen wie Kommunikation statt Steuerung. Besonders heikel sind Umweltbehauptungen ohne Substanz: Die EU hat eine Green-Claims-Richtlinie vorgeschlagen, die den Druck zur Begründbarkeit von Aussagen erhöht. [16]

 

Fazit

Ein belastbares Kennzahlensystem bleibt bewusst klein, methodisch robust und verifizierbar. Ein verifizierter Lahmheitswert sagt in der Praxis oft mehr über einen Betrieb aus als zehn Selbstauskünfte im Nachhaltigkeitsfragebogen. Genau hier dockt „Think Milk, taste Europe, be Smart“ an. [14]

 

Quellen

  1. BMLEH: forsa Ernährungsreport 2025 Tabellen (Haltungsbedingungen 81 %).
  2. EUR-Lex: Richtlinie (EU) 2022/2464 (CSRD).
  3. EUR-Lex: Farm to Fork Strategy COM (2020) 381 (u. a. Ziele zu Nährstoffverlusten und AMR).
  4. ISO: ISO 14067 Carbon footprint of products.
  5. GHG Protocol: Guidance zu Category 1 (Purchased goods) / supplier-specific und hybride Methoden.
  6. Thünen-Institut: GHG emissions in the milk value chain (0,8–1,8 kg CO₂e/kg Milch).
  7. ASIAGO GREEN EDGE Project (20 % Energieeinsparung je Molkerei, Projektfolie/PDF).
  8. ISO: ISO 50001 Energy management.
  9. EU-Kommission Food Safety: Cattle (allgemeine Regeln).
  10. EFSA: Plain-language summary Welfare of dairy cows (tierbezogene Indikatoren).
  11. Welfare Quality®: Dairy cattle protocol.
  12. ISO: ISO 14046 Water footprint.
  13. EUR-Lex: Green Claims Proposal COM(2023) 166.
  14. Kampagne: Think Milk, taste Europe, be Smart. Quelle: thinkmilkbesmart.eu

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