
Seit Jahrhunderten ist die Transhumanz das pulsierende Herz der Schäferei mit Herden, die sich Dutzende von Kilometern entlang der Tratturi bewegten, den alten Saumpfaden zwischen Almen und den Weiden unten im Tal und in den Ebenen. Diese saisonale Wanderschäferei führte zur Entstehung einer kulturellen Vielfalt aus Traditionen, Erzählungen und Ritualen.
Im Jahr 2019 hat die UNESCO die Transhumanz als Immaterielles Kulturerbe der Menschheit
anerkannt und damit nicht nur ihre Bedeutung als wirtschaftliches System, sondern auch als Symbol eines nachhaltigen Gleichgewichts zwischen Mensch, Natur und Landschaft hervorgehoben.
Die Transhumanz, einst ein notwendiges System zur optimalen Nutzung der lokalen Ressourcen, ist heute vom Aussterben bedroht. Die Entvölkerung der Berge und die allgemeine Krise der Schäferei sind die Hauptgründe dafür. Trotz all dem, kann sie heute durch neue Formen des nachhaltigen und sanften Tourismus wieder zu neuem Leben erweckt werden.
Transhumanz als touristische Attraktion
In den letzten Jahren hat sich die Transhumanz zu einer neuen Facette des Slow Tourism entwickelt. Dabei geht es darum, die natürlichen Rhythmen, unberührte Landschaften und jahrhundertealte Traditionen neu zu entdecken und zu erleben. Immer mehr Reisende begeben sich auf die alten Saumpfade der Hirten und erleben hautnah den direkten Kontakt mit der Natur.
Diese erlebnisreichen Wanderungen entlang der Saumpfade (Tratturi) können durch Storytelling und Anekdoten ergänzt werden, bei denen Legenden, Geschichten und Traditionen des Hirtenlebens erzählt werden. Dazu kommen natürlich Verkostungen von Milch-und Käsespezialitäten, die von der Milch der Tiere aus der Umgebung stammen und nach den Methoden der Transhumanz erzeugt werden.
Die touristischen Aktivitäten rund um das Thema der Wanderschäferei stellen eine nachhaltige Alternative zum Overtourism dar, indem sie allumfassende und umweltfreundliche Erlebnisse bieten. Viele italienische Regionen greifen immer mehr auf diese Art von Tourismus zurück, um Reisende anzulocken, die sich für ländlichen Tourismus, Sport und die Wertschätzung lokaler Traditionen begeistern.
Die eindrucksvollsten Beispiele sind die Veranstaltungen, die der Transhumanz gewidmet sind. An erster Stelle steht dabei das Tra – Festival della Transumanza (Fest der Transhumanz) in den Abruzzen. Auch Foggia in Apulien feiert sein eigenes Festival della Transumanza. In Venetien findet hingegen die Festa della Transumanza di Bressanvido (VI) statt.

Ein neues Modell für nachhaltigen Tourismus
Die Wanderschäferei mit ihren Hirten, Herden und Saumpfaden ist ein kulturelles und ökologisches Erbe von unschätzbarem Wert. Diese jahrhundertealte Tradition ist allerdings durch die fortschreitende Entvölkerung der Bergregionen und der Schäferei stark bedroht. Umso wichtiger ist es also, Projekte zu fördern, die die Bergbewohner darin unterstützen, ihr traditionelles Wissen zu bewahren und weiter zu geben, indem eine harmonische Verbindung zwischen der lokalen Bevölkerung und den Urlaubern aufgebaut wird.
Der „Erste nationale Bericht über Tourismus und die Welt der Käseproduktion“ (Primo rapporto nazionale sul Turismo e il Mondo Caseario), der vom Italienischen Verband für kulinarischen Tourismus (Associazione Italiana del Turismo Enogastronomico) herausgegeben wurde, hebt dieses Phänomen besonders hervor. Die Transhumanz ist nicht nur eine kulturelle und landschaftliche Ressource, sondern auch ein nachhaltiges System für die Landbewirtschaftung. Universitäten, landwirtschaftliche Betriebe, öffentliche Einrichtungen und Verbände können eine Schlüsselrolle bei der Erhaltung dieser Tradition spielen, indem sie Initiativen ergreifen, die das Wissen weitergeben und zur aktiven Teilnahme einladen.
Ein vorbildliches Beispiel ist das Projekt Sportumanza, das aus der Zusammenarbeit zwischen Studenten der Universität in Bergamo und verschiedener öffentlicher Einrichtungen entstanden ist. Hier fördern sportliche Events die Transhumanz in den Orobischen Tälern mit Kultur und Outdoor- Aktivitäten. Sportumanza umfasst Aktivitäten wie Trekking, Running und Klettern entlang den traditionellen Transhumanz-Strecken. Seminare, Workshops, Fotoausstellungen und Dokumentarfilmvorstellungen über die Wanderschäferei ergänzen das Angebot. Das Ergebnis ist eine Veranstaltung, bei der die Transhumanz sich nicht nur auf eine landwirtschaftliche Tätigkeit beschränkt, sondern zum kulturellen Erbe und zur touristischen Attraktion wird.
Die Transhumanz für die Wiederentdeckung der Bergregionen
Ziel der Projekte ist es, die landwirtschaftliche Kultur wieder zu entdecken und diese wertvolle Tradition an die neuen Generationen weiterzugeben. Der Tourismus soll dabei als Hebel dienen, um auf diese Weise einen wirtschaftlichen und sozialen Nutzen für die Regionen zu schaffen.
Das von der ONU für das Jahr 2026 aufgerufene Internationale Jahr für Weidelandschaften und Hirtentum, kann diesen Wandel zusätzlich vorantreiben. In sanften Tourismus zu investieren, dessen Thema im engen Zusammenhang mit der Wanderschäferei steht, bedeutet nicht nur, eine jahrhundertealte Tradition zu bewahren, sondern auch der steigenden Nachfrage nach authentischen und nachhaltigen Erlebnissen gerecht zu werden.
Mit einem zukunftsorientierten Blick kann die Vereinigung zwischen historischer Tradition und innovativer Kommunikationsform dafür sorgen, dass die Regionen zum Mittelpunkt eines neuen Entwicklungsmodells werden, bei dem die Kultur des Hirtentums nicht nur zum Motor für wirtschaftliches Wachstum, sondern auch zum Impulsgeber für mehr Umweltbewusstsein wird.
