
Wir befinden uns mitten im Herzen Mailands, Mitte des 19. Jahrhunderts. An einem feuchten und bitterkalten Morgen schweben Nebelschwaden zwischen den Turmspitzen des Doms. Die von Pferden gezogenen Droschken rollen über das Kopfsteinpflaster der Innenstadt, während die ersten Lichter des Tages versuchen, den grauen Himmel zu durchbrechen. Dünner Rauch steigt aus den Schornsteinen der Palazzi und hüllt die Stadt in einen leichten Dunst. Der Geruch von Holzfeuern wechselt sich ab mit dem Duft von Kaffee, der aus den halb geöffneten Türen eleganter Cafés dringt. Die Gäste in den Lokalen versuchen, sich bei einer Tasse… Barbajada aufzuwärmen.
Ja. Wenn uns eine Zeitmaschine wieder zurück in die Vergangenheit katapultieren könnte, genauer gesagt in die Stadt Mailand des 19. Jahrhunderts, dann könnten wir das seinerzeit beliebteste Getränk erkunden, das heute fast komplett in Vergessenheit geraten ist, eben eine Barbajada.
Barbajada, das Getränk das Geschichte schrieb
Was tranken die Mailänder vor zwei Jahrhunderten in den Cafés, um den strengen Wintertagen zu trotzen? Barbajada war ein heißes, cremiges Getränk, das aus Schokolade, Espressokaffee, Kuhmilch und Sahne zu gleichen Teilen bestand und mit einem Schneebesen aufgeschäumt wurde. Durch seine Schlichtheit wurde es zum Klassiker des 19. Jahrhunderts und zum Symbol für die Geselligkeit in den Salons der Mailänder Cafés.
Das Getränk verdankt seinen Namen Domenico Barbaja, der es im Jahr 1778 kreierte. Der junge Barbaja war damals Kellner in einer Bar im historischen Zentrum Mailands, dem Caffè Cambiasi, das direkt neben der Mailänder Scala lag.
In den Jahrzehnten danach etablierte sich die Barbajada nicht nur als Getränk, sondern sie wurde zum gesellschaftlichen Ritual. In den Mailänder Cafés des 19. Jahrhunderts wurde es Mode, sich zu einer Tasse dieser süßen Köstlichkeit zu treffen, um über Kunst, Politik und Literatur zu diskutieren. Und wenn das Getränk heute auch nicht mehr jedem bekannt ist, behält die Barbajada noch immer ihren Platz in den Traditionen der Stadt.
Wer war Domenico Barbaja?
Domenico Barbaja war neapolitanischer Herkunft und arbeitete als Kellner im Café Cambiasi. Dank der Erfindung der Barbajada machte er ein Vermögen und eröffnete selbst einige Lokale, in denen sein neues Getränk serviert wurde. Zu diesen gehörte auch das Caffè dei Virtuosi, eines der berühmtesten Literatur-Kaffeehäuser der lombardischen Hauptstadt.
Doch Barbajas Karriere sollte damit längst noch nicht enden, denn sein enger Kontakt mit dem künstlerischen und kulturellen Umfeld der Stadt führte dazu, dass er Impresario (Opernintendant) wurde. Im Laufe der Jahre leitete er einige der damals wichtigsten Opernhäuser: die Mailänder Scala, das San Carlo in Neapel, das Theater am Kärntnertor und das Theater an der Wien. Barbaja ließ damals wichtige Werke von Gaetano Donizetti, Gioacchino Rossini und Vincenzo Bellini aufführen, um nur einige zu nennen.
Die Liebhaber von Barbajada

Aber wer waren eigentlich die Liebhaber dieses Getränks? Allen voran Vittorio Emanuele I. von Savoyen, König von Sardinien, dessen Tag immer mit einer üppigen Barbajada begann, wie aus einigen historischen Unterlagen hervorgeht.
Dieses Getränk war auch bei den Komponisten Giuseppe Verdi und Gioacchino Rossini äußerst beliebt.
Verdi verbrachte einen Großteil seines Lebens in Mailand und war Stammgast in den Kultursalons und Mailänder Kaffeehäusern. Sehr gerne besuchte er das Caffè Cova, wo sich Künstler, Intellektuelle und Musiker der damaligen Epoche trafen. Dort war Barbajada das perfekte Getränk, um sich in den Pausen zwischen den langen Komponiersessionen an der Scala zu erholen und aufzuwärmen.
Rossini, bekannt nicht nur für seine einzigartigen musikalischen Werke, sondern auch für seine Leidenschaft für Essen und Kochkunst. Als leidenschaftlicher Feinschmecker liebte er die Freuden der Tafel genauso wie die Musik. Man sagt, dass er Barbajada besonders gerne mochte, denn das Getränk entsprach seiner Vorliebe für süße Köstlichkeiten.
Lassen wir unserer Fantasie freien Lauf, dann können wir uns sehr gut vorstellen, wie auch zahlreiche andere berühmte Mailänder gerne in den Cafés vor einer Tasse Barbajada saßen: Alessandro Manzoni, Carlo Cattaneo, Carlo Porta…
Zubereitung zu Hause
Wenn wir das Flair von Mailand im 19. Jahrhundert wieder aufleben lassen wollen, können wir Barbajada auch ohne große Mühe zu Hause zubereiten.
Zunächst bereiten wir den klassischen Espresso-Kaffee mit einer italienischen Espressokanne zu und halten ihn warm.
In einen kleinen Topf vermengen wir bitteren Kakao und Zucker. Dann fügen wir nach und nach die Milch hinzu und bringen das Ganze unter ständigem Rühren zum Kochen.
Sobald die Schokoladenmilch eine cremige Konsistenz erreicht hat und etwas abgekühlt ist, geben wir den heißen Espresso dazu und rühren langsam weiter. Zum Schluss garnieren wir das Getränk mit einer großzügigen Haube Schlagsahne, bevor wir es servieren.
Barbajada ist perfekt für eine entspannte Kaffeepause am Nachmittag oder um sich an einem kalten Winterabend aufzuwärmen. Ihr harmonischer Geschmack, der die Süße der Schokolade, die Intensität des Kaffees und die cremige Konsistenz von Milch und Sahne vereint, macht sie zu einer herrlichen und geschichtsträchtigen Gaumenfreude.
Barbajada heute
Heute ist Barbajada eine Seltenheit geworden, doch einige Restaurants und historische Cafés servieren das Getränk noch immer im Namen der Tradition. Wer es probiert, taucht ein in das Stadt Mailand vergangener Zeiten, in die kulturelle Begeisterung einer Epoche voller literarischer Diskussionen und musikalischer Veranstaltungen.
Lassen wir uns also in die Vergangenheit entführen und schlendern durch die Straßen der Mailänder Innenstadt, wo Kunst, Kultur und Genuss vor einer dampfenden Tasse Barbajada aufeinandertreffen.
